Bericht über die Moldau-Radtour der NaturFreunde Hannover 2010

 

Sa, der 28.08.2010

 8:30Uhr unterm Schwanz. Dieselben Leute wie letztes Jahr, Walli, Barbara, Hermann, Erhard, Wolfgang und Gerd. Schade, dass nicht mehr Freunde Interesse zeigen.

Die Bahnfahrt steht diesmal nicht auf der Highlightliste. Vor 91Tagen waren schon alle Radplätze im Wunschzug nach Passau ausgebucht; heute statt Wagen 7 zum Wagen 16 rennen (Fahren nicht erlaubt), in Augsburg aus betrieblichen Gründen Bahnsteigwechsel, der Zug ab München fährt heute nur bis Vilshofen, d.h. Schienenersatzverkehr im Bus mit Anhänger. Trotzdem kommen wir ca. 19Uhr gutgelaunt in Passau an. 850km im Zug fordern als Ausgleich Radfahren zur JH in der Veste Oberhaus, aber der Berg ist zu steil oder wir haben zu viel Gepäck. Nach dem Bettenmachen gehen wir noch mal zu Fuß in die schön beleuchtete Altstadt und lassen es uns gut schmecken.

 1. Etappe: Passau - Ottensheim, ca.85 km

 Flussabwärts lässt es sich auf dem Donauradweg gut fahren und schon bald sind wir in Österreich. Ein Schauer zwingt uns die Regenklamotten zu testen, Wir ziehen es dann doch vor, in der nahe gelegenen Gaststätte den Regen abzuwarten. Dialog zwischen Wolfgang und der Bedienung: „Haben Sie Croissants? “ Naa, Croissant nette“. „Dann bringen Sie mir bitte eine Croissantnette“. Bei Schlögen sind unsere Sachen wieder trocken. Weil sich hier die Donau tief eingegraben hat, müssen wir mit der kleinen Fähre aufs rechte Ufer wechseln. Wir machen jetzt ohne große Anstrengung unsere km nahe am Fluss, sodass wir uns in Aschach eine Kaffeepause unterm Sonnenschirm gönnen. Jedoch bevor Kuchen und Eis serviert sind kommt so ein heftiger Wolkenbruch, dass wir unterm Schirm Kapuzen aufsetzen und zusammenrücken müssen. Nach dem Schauer entschließen wir uns, noch 18km bis Ottensheim durch das hier breite Donautal zu fahren. An der dortigen Fähre fange ich an zu geizen: „Die 10er Gruppenkarte ist günstiger als 6 Einzelfahrten“; Folge: Ich muss weitere Mitfahrer suchen und auch noch abrechnen. Wir finden 3 Doppelzimmer in der Nähe der Regionalbahn. Während die ersten schon duschen, bewundern die anderen Frau Hemmelmayrs Gemälde und Stickarbeiten. Danach zum Bahnhof und Hermann kauft für den nächsten Morgen Fahrkarten am Automaten. Ohne noch lange zu suchen, gehen wir in dem kleinen Städtchen zum Italiener und genießen Pizza, Seezunge, Most und andere Gaumenfreuden.

2. Etappe: (Zug bis Aigen), Aigen - Vyssi Brod, ca. 40km

Es regnet, aber nach dem guten Frühstück können wir die Räder schon wieder im Trockenen satteln, steigen 9:45Uhr in den Zug und genießen die Fahrt im Mühltal, je nach Einstiegstür – drei komfortabel und warm, drei einfach und kühl. Aber in Aigen- Schlägl haben es alle gleich kalt. 6° und Nieselregen im Böhmerwald. Noch 300 Höhenmeter bringen uns aber zum Schwitzen und aus der Puste. Ohne Schieben schaffen wir die Steigung nicht. Danach das Schild „Achtung Staatsgrenze“ und ab jetzt heißt es: Vltava (Moldau), wir kommen. Bergab auf einsamen Waldstrassen wird uns schnell wieder kalt. Ein Foto vom Lipno-Stausee, der aufgestauten Moldau, dann steuern wir die erste Einkehrmöglichkeit an und wärmen uns mit heißem Kakao, Suppe und Liwanzen (Plinsen) mit Heidelbeeren auf. Bei leichtem Regen müssen wir weiter. Kein Gedanke daran, dass dieses Wasser irgendwann durch Hamburg fließen wird. Hinter der Staumauer bei Lipno nad Vltavou (Lippen an der Moldau) wird der felsige Weg an der hier wilden Moldau abenteuerlich. Wir sind alle geländetauglich (die Räder auch) und sind froh als in Vyssi Brod die Quartierbeschaffer Hermann und Erhard gleich erfolgreich sind. Die warme Dusche tut gut und als beim Abendspaziergang am Zisterzienserkloster wieder die Sonne scheint, erscheint auch die feuchtkalte Etappe nicht mehr schlimm. Die Speisekarte hat wegen der Nähe zu Österreich noch deutsche Übersetzungen. Weil wir jetzt in Böhmen sind, esse ich Böhmische Teufel und trinke das wohlschmeckende Budweiser. Aber um 21Uhr werden wir indirekt aufmerksam gemacht, dass Feierabend ist. Also lassen wir den Tag mit Knabberzeug und Rotwein auf dem Zimmer ausklingen. Einziger Nachteil: Hermann kassiert für die Gemeinschaftskasse je 1000,-CZK. ( 46,-€)

 
3.Etappe: Vyssi Brod – Cesky Krumlov, ca. 35km

 Es ist kalt und feucht, auf dem ersten Stück stressen die vielen mit Baumstämmen beladene Sattelzüge. In Rozmberg (bei Blasmusik) liest Hermann von dem Geschlecht der Rosenbergs vor, die hier ihre Stammburg bauten, bevor sie nach Cesky Krumlov übersiedelten. Die Burg ist ein gewaltiges Bauwerk. Heute ist der einzige Tag, an dem wir immer direkt an der Moldau entlangradeln, leider trotzdem bergauf/bergab auf Straßen. Unser Mitgebrachtes essen wir wegen Stippern auf einer überdachten Fußgänger-Holzbrücke. Warm ist uns nicht, aber die mutigen Kanuten, die unter uns durch den Schwall paddeln, haben es schlechter als wir. Beeindruckend ist kurz darauf die Einfahrt in die Stadt Krumlov (Krumme Au = Krumau), ein UNESKO Weltkulturerbe.

Barbara hat so kalte Füße, sodass wir nach einem Kaffee und Liwanzen mit Waldfrüchten (Pfannkuchen) sofort in der Touristeninfo Zimmer buchen. Gut getroffen, das „Gardena“ ist sehr gastfreundlich und fast ein Museum. Nach dem Duschen regnet es immer noch, d.h. wir machen erstmal Mittagsschlaf. 17:30Uhr gehen wir dann endlich trockenen Fußes durch die verschachtelte, von Touristen gut besuchte Stadt. Auf dem Lageplan sieht man am besten wie die Stadt unten in einer Moldauschleife liegt und darüber das riesige Schloss der Fürstenfamilie Rosenberg. Die Verbindung von zwei Burghälften durch eine an ein 3-etagiges Aquädukt erinnernde Brücke lockt uns nach oben und wir genießen die Gesamtansicht. Die Kühle treibt uns bald zum böhmischen Abendessen ins leider leere Lokal. Meine Ente mit Rotkohl ist hervorragend. Zurück im Gardena lassen wir den Abend mit Rotwein, Knabberzeug, Wolfgang und Erhard sogar mit Billard, ausklingen. Erhard findet endlich die Lösung für unser jahrelanges Anstoßproblem:   n * (n-1):2.

 
4.Etappe: Cesky Crumlov – Budweis (Budejovice), ca. 35km

 Die Kälte von gestern hat Auswirkungen, Barbara hat Rückenschmerzen und entscheidet sich, mit der Eisenbahn zu fahren. Wir Radler packen die Räder vor dem Gartenschuppen, machen im Ort  noch ein paar Fotos bei Sonnenlicht, dann heißt es schon wieder Schieben. Die ersten 2 km, am Bahnhof vorbei, geht es steil bergauf. Barbara wird per Handi gewarnt, entsprechend Zeit einzuplanen. Wo es steil raufgeht, lässt sich auch schneidig bergabfahren; der Tacho zeigt mehr als 50 km/h an. Man merkt an den Strohballen auf den Feldern: Wir haben schon September. Aber für Mirabellenpflücken und die schöne  Landschaft genießen ist genug Zeit. Mittags haben wir den Bahnhof in Budweis gefunden, uns gestärkt und der Abtrünnigen aus dem Zug geholfen. Durch die quirlige Fußgängerzone gelangen wir bei Sonne zum Marktplatz, besorgen uns in der Touristen-Info eine Übernachtungsmöglichkeit und radeln am Fluss entlang, in die Vorstadt, wo uns der Vermieter und sein Hund schon erwarten. Er ist etwas irritiert, bis er unsere Bettenaufteilung versteht. Stadtfein gemacht, gehen wir zu Fuß wieder in die Altstadt, einigen uns nach längerem Wählen auf ein Cafe und danach besichtigen wir die  historische Altstadt. Vom „Schwarzen Turm“ haben wir eine gute Sicht auf die roten Dächer und die hügelige Umgebung. Abends essen wir deftig in der Brauereigaststätte, natürlich mit Budweiser vom Fass. Zurück in unseren Zimmern, Hermann und Wolfgang liegen schon im Bett, weckt doch Barbara  unsere Vermieter (21:15Uhr) und schwatzt ihnen eine Flasche Rotwein ab. Wir trinken auf ihre Wiedergesundung und – die Technik macht’s möglich – sehen dabei Fotos von Erhards Rundflug rund um Hannover. Er hat doch tatsächlich einen Laptop mit auf der Radtour.

 
5.Etappe: Budweis – Pisek, ca. 87km

 Frühstück (mit Rührei und Speck) wird getrennt im Damen- und Herrenschlafzimmer serviert, dann geht es den schon bekannten Weg am Fluss entlang nach Norden. Entlang der Moldau erreichen wir ohne Steigungen die Parkanlage am repräsentativen Schloss Hluboca, danach bergauf, bergab bis zur von Gerd täglich verlangter 11Uhr Pause, die wir auf einem Kinderspielplatz verbringen. Später in Tyn machen wir die 2. Pause bei Kaffee und Eis. Wir haben erst die Hälfte der heutigen Strecke geschafft und Hermann, den Blick auf sein GPS-Gerät, macht Tempo. Keiner hat das Straßen-Sperrschild richtig ernst genommen, bis eine abgerissene Brücke uns zur Umkehr zwingt. Der Umweg über die Berge kostet Kraft. Barbara schwächelt trotz Erhards und Wolfgangs Schiebehilfe. In Albrechtice brauchen wir eine weitere Stärkung. Als direkt vor dem „Bufet Milacek“ ein Linienbus hält, wird Barbara ganz hektisch und (mit Hilfe des ganzen Lokals) sitzt sie innerhalb von 2 Minuten mit Rad und Gepäck im Bus nach Pisek. Mehr als 20 km mit vielen Steigungen liegen noch vor uns, die Autofahrer bremsen nicht für Radfahrer, aber auf verkehrsärmeren Strecken spielen Gerd und Wolfgang wieder Täve (Schur) und Eddy (Merckx). Auch Walli nutzt die Schaltfehler der Kettenschaltungs-Anfänger aus und setzt sich bergauf an die Spitze. Das ist der Vorteil von minimalem Gepäck und Nabenschaltung. Auf Schotterwegen fahren wir zum Berg Jarnik hinauf, da ruft Barbara an: „Ich habe schon Zimmer reserviert und warte in der Fußgängerzone“. Die 5km Abfahrt auf asphaltiertem Waldweg düsen wir in weniger als 10 min runter; nur, man hätte sich bergab eine Jacke überziehen sollen. Schnelldusche, Kurzvisite der schönen Stadt an der uralten Otavabrücke und dann erstmal gut essen mit Budweiser. Danach, schon im Dunkeln, können wir die beleuchtete, von einstigem Reichtum zeugende Stadt viel besser genießen. Aus Verdauungs- und Kulturgründen gönnen wir uns in einer Bar einen Slivovic.

 
6. Etappe: Pisec – Klucenice, ca. 52km

 In der Stadt wird Mineralwasser und Obst für die Mittagsrast eingekauft. Barbara fährt bis Orlic Bus. Mir ist erst gestern Abend klar geworden, dass wir übers Gebirge ins Otavatal gefahren waren. Also wieder Berge rauf und runter, durch Wald und Feld. Erster Halt in der Burg Zvikov. Ein Kaffee am Kiosk ist mir wichtig, bevor wir die mittelalterliche Burgruine hoch oben auf einem Felsvorsprung überm Zusammenfluss von Otava und Moldau erobern. Als die Uhr 12 schlug, war die Besichtigung von Schloss und Kapelle nicht mehr möglich, dafür genossen wir die tolle Aussicht auf eine finnlandähnliche Seenlandschaft. Weiter ging’s abseits vom Fluss bis zum Schloss Orlic, wo wir Barbara beim Bewundern einer Hochzeitsgesellschaft antrafen. Die Braut war sichtlich ergriffen ob der schönen vitalen ausländischen Radfahrertruppe, doch Palatschinken und Kuchen mussten wir dann doch selber bezahlen. Zum Glück dauerte die Fahrt bergauf an der belebten Staatsstraße nur 20 min, bevor wir wieder auf Nebenstraßen unter uns waren. Erhards  Rad macht Geräusche, die wir nicht lokalisieren können. Es ist nicht der lose Expander, der beinahe in die Speichen gekommen wäre. Endlich findet Hermann im kleinen Ort Klucenice eine einfache Unterkunft. Die Männer oben mit einem WC für uns vier, die Frauen unten mit einem Waschbecken auf dem Flur, aber besser als noch lange weiter zu radeln. Einen Abendspaziergang Richtung Orlic-Stausee beenden wir bald; die Kälte und der Hunger rufen uns zu unserem Wirt. Der Wirt spricht Deutsch, Pizza, Salat, Puffer, Knödel, Fleisch und Sauerkraut schmecken gut. Bier und Wein lösen die Zungen; von Ursula v.d. Leyen über Liebesbereitschaft, Ebbe und Flut kommen wir noch mal zur Anstoßzahl beim Zuprosten. Danach fallen wir ins Bett und lassen es draußen einfach regnen.

 
7.Etappe: Klucenuce – Stechvice, ca. 60km, Linienschiff bis Prag.

Nach einem Superfrühstück geht’s erst zum Konsum und dann weitab der Moldau gleich wieder ins Gebirge. Unsere Kondition wird immer besser. Als wir die Moldau wieder erreichen, versuchen Hermann und Erhardt eine Schiffspassage zu bekommen. Leider vergebens, daher futtern wir erstmal. Wolfgang füttert die Enten. Also, wieder bergauf/bergab erst rechts, später links vom Fluss. Der Tross hat überhaupt keine Orientierung mehr wo wir uns befinden. In Slapy, bei Kaffee und Eis, erfahren wir, worüber Hermann grübelt: „40km bis Prag wäre etwas zu weit, aber das Linienschiff, das jetzt vielleicht in Trebenice ablegt, könnten wir bergab in Stechovice, mit etwas Glück erreichen. Noch eine Steigung und dann geht es 4km steil bergab. Im gleichen Tempo wie die vielen motorisierten Samstagsausflügler düsen wir die Straße runter. Im Augenwinkel sehen wir bergauf schiebende Mountain-Biker. Die Armen. Während Hermann im Ort auf die weniger gedüsten wartet, suche ich den Anleger. Ein unscheinbarer Pfad führt ans Ufer und nach kurzen Suchen entdecke ich den Fahrplan. 15:55Uhr, d.h. in 10 min müsste das Schiff kommen. Es dauert etwas länger, aber als die Odra um die Flussbiegung kommt, fällt allen ein Stein vom Herzen. Bei dem Autoverkehr auf der Uferstrasse hätten wir uns nicht wohl gefühlt. Das Anlegemanöver gelingt, wir fahren auf dem Schiff nach Prag. Da macht sogar Hermann eine Ausnahme; wir gönnen uns ein Bier (auf Erhards Rechnung). Die schöne Landschaft und zwei Schleusungen lassen die Zeit schnell vergehen, bis wir gegen 19 Uhr vor der Karlsbrücke anlegen. Jetzt wird’s spannend, die Touristen-Info vermittelt keine Zimmer und verweist uns ans Internetcafe. Erfolgreich sind wir dort auch nicht, es ist schon dunkel, aber die persönliche Ansprache an den bereits Feierabend habenden Aufpasser hilft. Wir finden durch ihn ein Hostel in der Stadtmitte, bekommen drei Dreibettzimmer und können Räder, Gepäck und uns in den 3. Stock schleppen. Ungeduscht ab ins nächste Restaurant. Die Küche schließt in 2Minuten, das beschleunigt unsere Wahl. Nach dem Essen stürzen wir uns ins Getümmel; Samstags-Gebrassel, die ganze Stadt und halb Europa sind auf den Beinen. Rathausplatz, Karlsbrücke und Hradschin sehen beleuchtet fantastisch aus. Nach Mitternacht nehmen wir großstadtgerecht  noch einen Cocktail, dann Duschen und ab ins Bett. Lautstarke Gäste im Hostel können uns überhaupt nicht stören.

 
8. Etappe: Prag – Melnik, ca. 65km

 Das  Frühstück war überschaubar, aber uns ist klar, dass die Pragübernachtung ein Vielfaches hätte kosten können. Bei Tageslicht sieht der nur für dieses Wochenende gelegte Teppich aus 150.000 Begonienblüten noch schöner aus letzte Nacht. Noch ein paar Fotos, dann gelangen  wir unfallfrei wieder an die Moldau. 385 km schwieriges Gelände haben wir hinter uns; 225 km relativ ebene Strecke sind es noch bis Dresden. Biker, Inlinescater und Jogger sind an diesem schönen Sonntagmorgen auf demselben Uferweg wie wir unterwegs. Wildwasserfahrer links und ein Kiosk mit Kaffee rechts vom Weg sind ein guter Grund für eine Pause. Nach weiteren 12km entscheiden wir uns für die Nebenroute direkt an der Donau. Der Weg wird immer schmaler und entpuppt sich als Treidelpfad. Durch die Unebenheiten bemerke ich, dass meine Packtasche nicht richtig befestigt ist. Kurz angehalten, alles korrigiert, aber beim Anfahren eine Baumwurzel unterschätzt. Ich liege wie ein Maikäfer auf dem Rücken an der Böschung, den Kopf Richtung Moldau, das Rad  auf mir drauf. Dafür rufe ich natürlich nicht nach Wolfgang, der vor mir fahren müsste. Das stellt sich bald als Fehler hinaus, der Lenker hat sich im Holunder verharkt. Da ich das Rad so nicht hochgestemmt bekomme, muss ich mich auf dem Rücken bergab weiter Richtung Wasser schieben. Das Hemd scheint seinen Geist aufzugeben. Aber alles klappt. Ich denke, ein Hilferuf hätte mir auch nicht geholfen; die Anderen hätten wahrscheinlich nur diese Szene nur gefilmt und blöde Kommentare gegeben. Also, hinterher. Nach einiger Zeit habe ich wieder Anschluss. Der Weg ist jetzt ganz schmal geworden und die Moldau fließt einige Meter senkrecht darunter. Barbara, die vor mir schiebt, sieht man die Unsicherheit an. Meine verbalen Anstrengungen, sie aufzubauen, gipfeln in der unprofessionellen Frage, ob sie schwimmen kann. Aber wir schaffen auch dieses schwierige Teilstück und treffen an  der Fähre nach Libcice auf die breitere Hauptroute und einen Gartenimbiss. Würstchen, Krautsuppe und Kartoffelpuffer geben Kraft für die nächsten 40 km. Die Steigungen sind weniger geworden, aber dafür Gegenwind und kühles Wetter. Ein Kaffee und Palatschinken auf einem Reiterhof wärmen uns auch nicht richtig. Am Moldau-Kanal entlang fahrend sehen wir schon Schloss Melnik oben auf einem Berg. Es geht nicht ohne zu Schieben auf den Weinberg, aber die schöne Aussicht auf den Zusammenfluss von Moldau und Labe (Elbe) entschädigt für die Anstrengung. Ab Morgen geht’s also an der Elbe weiter Richtung Dresden. Die gewünschte Übernachtung im Schlossviertel klappt nicht; wir werden weitervermittelt. Dank Erhards und Hermanns Navi-Beherrschung können wir zwei Sportrad Kollegen gut zum „Aphrodite“ leiten. Zum Abendessen gehen wir nicht mehr weit. Im „Alabama“ probieren wir zum Essen auch den berühmten Melnikwein.

 
9. Etappe: Melnik – Usti nad Ladem,ca. 85km

 Auf dem Marktplatz der obligatorische Morgeneinkauf, Wolfgang und Hermann fallen auf dieselbe Klotür rein – je 5 Kronen eingeworfen, doch die Tür bleibt zu. Auf der linken Elbeseite kommen wir im flachen Gelände gut voran. Die Straßen  sind gut, die Hopfenernte ist in vollem Gang. In der Ferne sind gleichmäßige kegelförmige Berge zu sehen. Wo durchbricht die Elbe das vor uns liegende Böhmische Mittelgebirge? Plötzlich halten wir an einer Festung. Die meisten hatten gar nicht mitbekommen, dass Hermann Theresienstadt angesteuert hat. Wir besichtigen mit einem Führer die „Kleine Festung“ mit den gewaltigen Mauern, die ursprünglich  Kaiser Josef II 1780 zur Sicherung von Handelswegen nach Böhmen bauen lies. „Arbeit macht frei“, steht jetzt am Tor des zum Gestapo-Gefängnis umfunktionierten Areals mit seinen Zellen, unterirdischen Gängen und dem Hinrichtungsplatz. Im eigentlichen Garnisionsort Theresienstadt entstand 1941 ein Ghetto für Juden. Ganz Theresienstadt wurde zu einer Stadt hinter Gittern, ein Teil der „Endlösung der Judenfrage“. Der Weltöffentlichkeit wurde die Stadt durch Propaganda und Filme als lebenswertes „autonomes jüdisches Siedlungsgebiet“ dargestellt. Nachdenklich verlassen wir die Gedenkstätte, treten noch mal kräftig in die Pedalen und kommen in einem kleinen Ort noch zu unserer Pause. Viel Zeit haben wir nicht mehr, die Sonne steht schon tief. Hermann und Erhard gönnen uns in der Abendsonne  bei Brna eine Ruhepause auf dem Steg; sie suchen ein Hotel, - vergeblich-. Als es weitergehen soll, oh Schreck, hat Walli einen Platten. Es wird nicht geflickt, das muss jetzt mit Pumpen gehen. Nach dem 3.Pumpen findet Wolfgang auch den Nagel in der Decke und das Bettenteam ein Quartier in der Nähe. Schlauchwechsel, dann noch kurz Händewaschen und zu Fuß über die Brücke nach Usti ins „Pam Pam“, einer Pizzeria mit interessanter Namensgebung. Auf dem Rückweg zum Quartier bewundern wir das beleuchtete schlossähnliche Gebäude auf der anderen Elbeseite. Es ist schon 22:30Uhr. Während Wolfgang duscht, kann ich Reifen flicken; es sind mehrere Löcher.

 
10.Etappe: Usti _ Wehlen, ca. 67km

 Noch ein dritter Flicken ist nötig, ein reichhaltiges Frühstück mit Ei und Schinken, dann geht’s auf einem guten Radweg unter der futuristischen neuen Brücke durch, rechts der Elbe Richtung Norden. Auf der gegenüberliegenden Flussseite sehen wir zahlreiche schlossähnliche Villen. In Decin wechseln wir auf die linke Seite und genießen das enge Elbetal. Die Grenze haben wir unmerklich durchfahren; wenn wir jetzt noch unsere letzten Kronen verbraten wollen, müssen wir mit der Fähre übersetzen. Wir bleiben aber links und essen aus unserem Packtaschenvorrat. Eine Kreuzotter weckt unser Interesse. Schöna, Schmilka, Zirkelstein, Schrammsteine; alles kommt uns bekannt vor. Die bunten Häuser von Bad Schandau und die Aussicht auf Kaffee und Bancomat führen uns über die Brücke. Wolfgang kippt seinen ersten deutschen Kaffee nach 10 Tagen vor Aufregung um, Walli und mir scheißt ein Vogel auf den Kopf; - das fängt ja gut an im Heimatland. Nachdem wir am ehemaligen Naturfreundehaus vorbei gut gefahren sind, kommt der nächste Klopfer. Der Weg wird immer steiler und felsiger. Nur mit äußerster Kraft hebeln wir die Räder über die Klamotten. Selbst die schöne Aussicht von oben auf die Elblandschaft kann uns nicht beruhigen: „Wie kann man so was als Radweg anbieten!“. Endlich in Rathen,  nach 4km Klettertour merken wir: links unter uns am Elbufer war ein schmaler Trampelpfad. Um 17:00Uhr sind wir in Wehlen, das bewährte Team hat im Cafe Richter bezahlbare Zimmer gefunden, Begrüßungsbier und -Kaffee schmecken in der letzten Abendsonne und mit einem Bummel durch den schönen Ort beschließen wir unsere heutigen Anstrengungen, und können zu Bratwurst, Meißener Wein und anderen Köstlichkeiten übergehen, bis die Bedienung Ermüdungserscheinungen zeigt.

 
11. und letzte Etappe: Wehlen – Dresden, ca. 36km

 Beim Frühstück beobachten wir die Arbeit der Baggerführer und Arbeitsschiffe. Dann geht’s bei Sonnenschein und Rückenwind bequem bis Schloss Pillnitz. Baldachinartig überdachte Schornsteine und chinesische Landschaften am Sims entsprachen wohl dem Zeitgeist um ca. 1800. Noch ein Bummel durch den Park, dann besteigen wir die Fähre und überqueren ein letztes Mal die Elbe per Fahrrad. Der Bau der umstrittenen neuen Waldschlösschenbrücke ist schon weit fortgeschritten und wir konzentrieren uns auf das Dresden-Panorama. Als Erstes geht’s zur Frauenkirche. Gerd und Wally bleiben bei den Fahrrädern, die Anderen wollen rein. Aber es ist um die Mittagszeit geschlossen, dafür kommen sie mit den ersten Christstollen als Mitbringsel zurück. Weiter geht’s zum Bahnhof, der nächste Zug mit Fahrradplätzen geht  um 13:23Uhr. Gebucht, eingeladen und ab geht es bis Leipzig, wo noch Zeit für einen Snack bleibt. Während der Fahrt im IC (für 37,80 €) hängen alle ihren Gedanken nach. Es war eine schöne, aber sehr anstrengende Radtour. Ca.650 km an Donau, Moldau und Elbe haben uns ein weiteren schönen Teil von Europa näher gebracht.

Herzlichen Dank an Hermann und alle andern Beteiligten!

Passau